Montag, Januar 30, 2006

Ein ganz normaler Schultag

Morgens um 7.30 Uhr kämpfe ich mich von meiner Schlafmatte hoch... Für unsere Nachbarn hat der Tag längst begonnen. Schon seit Sonnenaufgang ist das rhythmische Klopfen der Mörser zu hören. Kurz unter die Dusche, unsere Schlafstätte herrichten, Schulmaterial packen und schon geht's los.

Meine Schule, Hsa Thoo Lei, liegt auf der anderen Seite von Mae Sot, etwas ausserhalb der Stadt. Meist fährt mich Rolf mit dem Motorrad. Ausnahmsweise nehme ich mir auch mal ein Tuc Tuc oder Motoradtaxi, selten wähle ich die schweisstreibende Variante und kämpfe mich per Fahrrad durch den morgendlichen Verkehr. Es herrscht viel Betrieb um diese Zeit. Die Läden und Stände werden eingerichtet, aus den Strassenküchen qualmt uns der Rauch von Holzkohle entgegen. Die letzten Mönche, wahrscheinlich ebenfalls Spätaufsteher, holen sich ihre Mahlzeiten bei den am Strassenrand wartenden Frauen ab. Unverhofft, kreutzt eine Parade mit Blasmusik und schick hergerichteten Schulmädchen unseren Weg.

Vor der Schule werden wir mit lauten Rufen empfangen: "Hello Teacher, hello." "Goodmorning Teacher, how are you?" Also, wird heute Unterrrichtet. Die Burmesen freiern gerne und nutzen jede Gelegenheit dazu. Manchmal ist auch einfach ein Fussballspiel gegen eine andere Schule der Grund für einen Schulfreien Tag. Wenn der Unterrichtausfällt, erfahre ich dies meist erst vor Ort. Ich halte dies für einen cleveren Schachzug meiner Chefin... im Office gibt es schliesslich immer zu tun.



Es ist 8.30 Uhr und ich habe noch etwas Zeit, bis meine erste Schülerin eintrifft. Der gute Marcus, "Mädchen für alles", versorgt mich mit einem zuckersüssen Milchkaffe, den er mindestens 10 Minuten lange gerührt hat, damit kein Krümelchen Zucker übrig bleibt. Was dann doch noch oben aufschwimmt wird kurzerhand mit dem Löffel rausgefischt und verschwindet in Marcus Mund. Unweigerlich muss ich bei dieser Zeremonie grinsen.










Ich schnappe mir meine Unterlagen uns setze mich auf die Stufen vor dem Office. Die Schulglocke wird geläutet und die Kids sammeln sich auf dem Schulhof. In Reih und Glied stehend, nach Grösse sortiert wird gewartet, bis eines der älteren Kinder zu einem Lied anstimmt.

In Hsa Thoo Lei gehen 280 Kinder zur Schule, ca. 50 von ihnen sind Waisen und wohnen auch hier. Ethnische Herkunft oder Religion spielt hier keine Rolle. Was alle Kinder gemeinsam haben ist dass, sie mit oder ohne ihre Familie, aus ihrer Heimat Burma geflohen sind. In Anbetracht der schwierigen Situation vor Ort und der oft traurigen Vergangenheit die sie hinter sich haben, finde ich es immer wieder bemerkenswert, wie Respekt- und Liebevoll alle miteinander umgehen.
Dies ist wahrscheinlich auch der Verdienst von Paw Ray. Sie leitet diese Schule und ist auch für 40 andere Migranten-Schulen verantwortlich. Die Energie die diese Frau in ihr Lebenswerk steckt, ist einfach bewundernswert. Die kleine rundliche Frau kommt mir entgegen und lächelt: "Good morning, Alex". Sie ist wahrscheinlich die Einzige, die mich so nennt. Für alle Anderen bin ich "Ditscha Alees".

Die Kinder sitzen in ihren Klassen und das wiederholen der Vokabeln klingt wie ein Lied zu mir herüber. Nun gehört der Schulhof den Hunden, Enten und Hühnern. Ich gehe rein, starte die Computer und hoffe, dass mich kein Viren-Desaster erwartet.

Von hinten legt sich ein Arm um meine Schultern: "Hello Teacher, how are you?" Noblethoo ist fünfzehn und besucht seit zwei Monaten jeden Morgen meinen Unterricht. Kaum zu glauben, dass sie damals ausser etwas Tippen, keine Ahnung von Computern hatte und heute mit Word, Excel und Internet besser zurecht kommt, als manche Sachbearbeiterin in der Schweiz. Sie ist unglaublich fleissig und wissbegierig. Obwohl sich ihre Mutter immer Sorgen macht, sie könnte von der Polizei aufgegriffen werden, wagt sie jeden Tag den langenFussmarsch zu mir. Sie selbst arbeitet als Englisch-Lehrerin in einem Nachbardorf. Die Stunden mit ihr sind immer sehr vergnüglich und ein guter Start in den Tag.

Tucer betritt den Raum. Er ist Fahrer und Paw Ray's Ehemann. Eigentlich wollte er auch Computerunterricht nehmen aber wenn ich ihn mal frage, ob er jetzt Zeit habe, muss er jeweils gerade Reis oder Kinder fahren.
Einzelunterricht gebe ich täglich drei bis sechs Lektionen pro Tag. Zwischendurch vorbereiten oder Briefe und Rapporte für Paw Ray erstellen.

Es ist bereits 12.30 Uhr und mein Magen knurrt? Manchmal leistet mir Marcus mit seiner Frau Gesellschaft beim Mittagessen. Marcus nimmt ebenfalls Unterrichtbei mir. Seit ich Lulushee, seiner Frau, Rolf vorgestellt habe und sie sich versichern liess, dass ich nicht nur mit ihm angereist bin, sondern auch wieder mit ihm wegfahren werde, hält sie es auch nicht mehr für nötig an den Lektionen mit Marcus teilzunehmen. Eigentlich schade, ihre Auffassungsgabe ist weitaus besser als die ihres Mannes.
Lunch-Time: ich geniesse es zwischendurch dem Rummel der Schule zu entfliehen. Ganz in der Nähe liegt ein kleines Restaurant mit einem schattigen Plätzchen auf der ruhigen Rückseite des Gebäudes oder vielmehr des Schuppens. Ich werde mit einem Lächeln empfangen und bestelle "Pat Thai" (gebratene Nudeln mit Gemüse, Ei und Erdnüssen). Zwanzig Baht kostet mein Mahl inklusive Wasser (ca. 70 Rappen). Meine Anwesenheit wird von den anderen Gästen mit neugierigen Blicken und anschliessen mit einem Lächeln kommentiert. Frisch gestärkt, geht's zurück zur Schule.










Das Bild auf dem Schulhof ähnelt dem an unserigen Schulen. Nur, dass Spielfelder auf dem Lehmboden mit der Spritzkanne eingezeichnet werden, Spielsachen selbst gebastelt sind und die Spiele laufend neu erfunden werden (z.B. SandalenBoggia). Ab und zu gibt es kleinere Raufereien aber die älteren Schülersorgen schnell wieder für Ordnung.

waehrend meiner Lektion:
Der Computerraum ist gleichzeitig Office, Sitzungszimmer, allgemeiner Treffpunkt und Zwischenverpflegungsstation.




Noch ein/zwei Einzellektionen, dann trifft Rolf ein und unterstützt mich beim Unterrichten der Schulklasse. Sechs bis neun Kinder verteile ich an den Computern und unterrichte, je nach Temperatur, mehr oder weniger erfolgreich. Manchmal sind sie sehr interessiert und kaum zu bremsen, so dass ich sie nach einer Stunde regelrecht rauswerfen muss. Aber es gibt auch Tage, da will niemand so richtig und Englisch versteht dann sowieso keiner mehr.

Meine letzte Lektion verbringe ich mit Georgeorwal. Obwohl ich dann schon ziemlich verbraucht bin, sind die Lektionen mit ihm immer ein kleines Highlight. Es wird viel gescherzt und gelacht.

...geschafft! Um 17.00 Uhr hat auch "Ditscha Alees" Feierabend und wir tuckern über staubige Strassen nach Hause. Ein kurzer Halt um ein paar frische Früchte einzukaufen, dann erst mal ausspannen, die Ereignisse des Tage revue passieren lassen und aushecken, wo wir unser Abendessen geniessen wollen.

Dienstag, Januar 17, 2006

Whoopy Goldberg laesst gruessen!

Liebe Alex

Erstmal alles Gute im Neuen Jahr! Ich sehe und lese mit Interesse, dass ihr gut gerutscht seid. Doppelt gemoppelt haelt besser. Fuer's 2006 wuenschen wir euch noch viele weitere tolle Erlebnisse in Asien.

Das Land der tausend Mangobaeume, Burkina Faso, hat uns in seinen Bann gezogen. Das ehemalige Obervolta mit der exotisch klingenden Haupstadt Ouagadougou, kurz Waga genannt, gehoert zu den drei aermsten Laendern der Welt. Die Burkinabé begegnen Fremden ohne Ressentiments, sind durchwegs tolerant, freundlich und hilfsbereit, was wir am eigenen Leib erfahren durften.


Weihnachten wollten wir urspruenglich in Bobo Dioulasso, der zweitgroessten Stadt des Landes, verbringen. In Afrika muss man jedoch spontan sein und die Chancen die sich bieten packen. So haben wir die Einladung eines Burkinabé, der fuer den franzoesischen Entwicklungsdienst arbeitet, auf welchem wir uebrigens auch uebernachtet haben, die Weihnachtsfeiertage gemeinsam in Waga zu verbringen, angenommen. Auf der Fahrt haben wir unser erstes lebendes Perlhuhn gekauft. Im Wissen, es nicht selbst schlachten zu muessen. Bei der Familie angekommen wurde uns zu ehren Coca Cola eingekauft und der Fernseher eingeschaltet. Man muss ja zeigen, dass man einen besitzt. Familie und Freunde kamen vorbei um "Les Blancs" zu begruessen. Da alle Familienmitglieder Christen sind, ging es am Heiligabend zur Kirche. Die grosse, einfach eingerichtete Kirche ohne Prunk, war zum bersten voll. Als ich mich neben André setzte, habe ich mich zum ersten Mal umgesehen. Uups, um mich herum sind ja nur Maenner. Ich habe mich in den falschen Bereich der Kirche gesetzt... Das ist das tolerante an den Burkinabés. Ich werde lediglich belacht von ihnen und mit den Worten bedacht: Tu es blanches, n' ya pas de problème! Ok, ich bleibe sitzen und wir geniessen die Mitternachtsmesse unter all' den Schwarzen in vollen Zuegen. Hier wird gesungen, geklatscht, getanzt, Theater gespielt, gepredigt und gebetet. Die ueberschwengliche Kirchenstimmung animiert auch uns zum mitmachen und mitklatschen. Wir sind beeindruckt und sind uns einig: Sister Act ist ein Pappenstiel dagegen!

Im schweizer Restaurant, haben wir uns zu Weihnachten gegoennt, lernen wir ein deutsches Ehepaar kennen, das fuer den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) arbeitet. Wir ziehen ebenfalls ins DED-Gaestehaus und verbringen gemuetliche Stunden dort. Katy und Frank, so ihre Namen, fragen uns, ob wir sie zu Sylvester fuer einen Ausflug begleiten moechten. So fahren wir mit dem sympathischen Paar suedwaerts. Zuerst besuchen wir den landschaftlich schoen gelegenen Ort Tiébélé mit kunstvoll bemalten Wohnburgen. Das naechste Highlight sind die heiligen Krokodile, die vielerorts verehrt werden. Mit einer eingaengigen Melodie und Kroeten an der Angel werden die Krokodile von einem Jungen angelockt. Ein irres Schauspiel, wenn die Kaymane nach den Kroeten schnappen und der Junge unbeirrt seine froehliche Melodie vor sich hinsingt.


Den Sylvester verbringen wir im Nazinga Nationalpark. Dort soll es Elefanten, Wilschweine, Gnus, Affen, Krokodile, Antilopen und viele Vogelarten geben. Direkt bei der Lodge ist ein kuenstlicher See, wo die Elefanten taeglich zum trinken kommen sollen. Unsere Ausdauer auf der Aussichtsplattform auszuharren wird mehr als belohnt. Einer um den anderen findet sich am Wasserloch ein. Nach langen Beobachtungen sind wir hungrig und gehen fruehstuecken. Danach nochmals kurz zum See zurueck, um zu sehen ob sie noch da sind. Wir trauen unseren Augen nicht. Die Elefanten baden im See und balgen dabei wie kleine Kinder. Ein herrliches Schauspiel. Die ist jedoch noch nicht alles. Ohne Scheu, was wir von uns nicht gerade behaupten koennen, gehen einige Elefanten ungeniert durchs Camp und bedienen sich an den verschiedenen Baeumen. Frank ist der Mutigste von uns allen und ist nur noch ca. 2 bis 3 Meter von ihnen entfernt. Sie jedoch lassen sich von uns Touris ueberhaupt nicht stoeren. Die Elefanten wie du ja weisst haben mich schon immer fasziniert.

Den Sylvesterabend und -nacht haben wir mit den Familien der Angestellten der Nazinga Ranch verbracht. Und in Burkina haben die Frauen im Schnitt 6 Kinder. Somit kannst du dir bestimmt vorstellen, dass es ein tolles "Kaeferfest" mit Bier und Tanz war.

Aus Burkina noch viele interessante Dinge zu erzaehlen und es fehlt uns schwer, dieses liebgewonnene Land Richtung Niger zu verlassen.

Herzliche burkinabische Gruesse

Claudia